Eine große Künstlerin. Eine ehemalige Studentin. Eine unbequeme Stimme. Ein Mensch im Dialog.
Mit großer Betroffenheit und tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von VALIE EXPORT, die am 14. Mai 2026 im Alter von 85 Jahren verstorben ist.
Für die internationale Kunstwelt war sie eine der bedeutendsten Medien- und Performancekünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Für Österreich war sie eine radikale Erneuerin des Denkens über Kunst, Körper, Gesellschaft und Macht. Für uns an der HTL Spengergasse war sie aber auch etwas sehr Persönliches: eine ehemalige Studentin unserer Designabteilung.
Zwischen 1960 und 1964 besuchte sie unsere Schule – damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Waltraud Höllinger, geboren als Waltraud Lehner. Niemand konnte damals ahnen, dass aus dieser jungen Frau eine der international einflussreichsten Künstlerinnen Österreichs werden würde. Und doch liegt rückblickend vielleicht eine gewisse Folgerichtigkeit darin: Schon früh zeigte sich bei ihr jener Wille zur Eigenständigkeit, jener kritische Blick auf gesellschaftliche Strukturen und jene kompromisslose Haltung, die später ihr gesamtes Werk prägen sollten.
VALIE EXPORT war niemals gefällig.
Sie wollte nie dekorieren.
Sie wollte sichtbar machen.
Mit Arbeiten wie Tapp- und Tastkino oder Genitalpanik stellte sie nicht nur Konventionen infrage, sondern griff die Grundfesten gesellschaftlicher Machtverhältnisse an. Sie machte den weiblichen Körper nicht zum Objekt der Betrachtung, sondern zum politischen Raum der Selbstbestimmung. Damit wurde sie zu einer zentralen Stimme feministischer Kunst und zu einer Pionierin der Performance- und Medienkunst weit über Österreich hinaus.
Was heute in Museen, Universitäten und kunsthistorischen Büchern selbstverständlich erscheint, war damals vielfach ein Skandal. VALIE EXPORT musste Widerstände, Ablehnung und persönliche Angriffe aushalten – gerade auch in Österreich. Umso bemerkenswerter war ihre Konsequenz. Sie blieb unbequem, präzise und unabhängig.
Und dennoch blieb sie ihrer Herkunft verbunden.
Sie begegnete jungen Menschen mit Offenheit und Ernsthaftigkeit, stellte sich Gesprächen und Diskussionen und zeigte ein ehrliches Interesse an neuen Generationen von Gestalterinnen und Gestaltern. Besonders in Erinnerung bleibt ihr Interview anlässlich der 250-Jahr-Feier der HTL Spengergasse. Dass eine Künstlerin ihres internationalen Formats sich Zeit nahm, mit der eigenen ehemaligen Schule in Dialog zu treten, war keineswegs selbstverständlich. Für viele Studentinnen und Studenten war diese Begegnung inspirierend und prägend.
Dabei beeindruckte nicht nur ihre künstlerische Bedeutung, sondern auch ihre Haltung. VALIE EXPORT sprach nie von oben herab. Sie war klar, direkt und intellektuell kompromisslos – zugleich aber neugierig, humorvoll und interessiert am Austausch. Sie verstand Kunst nie als abgeschlossenen Elfenbeinturm, sondern als gesellschaftliche Praxis.
Gerade für eine Schule wie die unsere bleibt ihr Werk von besonderer Aktualität. Denn Gestaltung ist niemals nur Oberfläche. Design bedeutet immer auch Verantwortung: die Frage, wie wir Menschen sehen, welche Bilder wir erzeugen und welche Wirklichkeiten wir damit formen. VALIE EXPORT hat diese Fragen radikal gestellt – lange bevor sie selbstverständlich geworden sind.
Ihr Leben zeigt, dass Gestaltung Haltung braucht.
Dass Kunst Widerspruch sein darf.
Und dass Bildung dann Bedeutung gewinnt, wenn sie Menschen ermutigt, eigenständig zu denken.
Wir verlieren mit VALIE EXPORT nicht nur eine außergewöhnliche Künstlerin, sondern auch eine Verbindung zwischen unserer Geschichte und der internationalen Gegenwartskunst.
Die HTL Spengergasse verneigt sich in Dankbarkeit vor einer ehemaligen Studentin, die Kunstgeschichte geschrieben hat und dennoch den Kontakt zu ihrer Schule nie abbrechen ließ.
Unser Mitgefühl gilt ihrer Familie, ihren Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern sowie allen, die ihr verbunden waren.
Ihr Werk wird bleiben.
Ihre Haltung ebenso.
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HTL Spengergasse – Abteilung Design
Wien, im Mai 2026
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Nachruf von Abteilungsvorstand Werner Regen, MA
